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Prüfungen

"Prüfungen sind nichts als verkleidete Segnungen."

John Wesley (1703 - 1791)

Leitartikel

Einsamkeit

Mit dem Thema Einsamkeit haben wir offenbar ein brandaktuelles Thema für den aktuellen Gemeindebrief getroffen.

Vom Zischtigsclub über die Radiopredigt bis hin zur Wissenschaft (z.B. der Psychiater Manfred Spitzer) beschäftigt man sich zurzeit mit Einsamkeit – offenbar ein zunehmendes Problem in unserer Gesellschaft. In Frankreich kann man bereits den Pöstler eine halbe Stunde für ein Gespräch buchen, um der Einsamkeit zu entgehen.

 

Wir müssen unterscheiden zwischen Allein-Sein und Einsamkeit. Man kann allein sein und sich keineswegs einsam fühlen; ebenso man kann von vielen Menschen umgeben sein und sich dennoch sehr einsam fühlen.

Einsamkeit hat mit der Empfindung des Getrenntseins von den anderen (Familie, Freundeskreis, Gesellschaft) zu tun. Wenn ich das Gefühl habe, dass sich niemand für mich interessiert und ich «nicht dazu gehöre», dann empfinde ich Einsamkeit.

Natürlich stellt sich das Gefühl der Einsamkeit eher ein, wenn wir oft allein sind. Wohl darum hat das Gefühl der Einsamkeit zugenommen, denn es gibt immer mehr Singlehaushalte.

Aber es hat auch mit unserer Art zu leben zu tun: Die NachbarInnen kennt man oft nur vom Sehen; durch die häufigen Wohnsitzwechsel (beispielsweise wegen der Arbeit) gibt es immer weniger langjährige, stabile Beziehungen; der Individualismus hat viele Freiheiten gebracht, aber das Zusammengehörigkeitsgefühl ist schwächer geworden. Noch vieles mehr könnte man anführen. Jedenfalls zeigen Umfragen: Immer mehr Menschen fühlen sich einsam.

 

«Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei», heisst es am Anfang der Bibel (1. Mose 2,18) Die Deutung, dass der Mensch erst ein ganzer Mensch ist, wenn er heiratet, halte ich für eine völlig überzogene Interpretation dieser Aussage (übrigens fühlen sich 16 Prozent der Frauen und 9 Prozent der Männer trotz Partnerschaft einsam).

Es geht schlicht darum, dass es nicht gut ist, dass der Mensch immer allein ist. Er braucht Gegenüber. Diese Gegenüber können PartnerInnen sein, aber auch die Kinder oder Eltern, andere Verwandte, FreundInnen, Glaubensgeschwister, ArbeitskollegInnen.

 

Wir brauchen Gegenüber; Menschen, die sich für uns interessieren, Menschen, mit denen wir uns austauschen, auch streiten. Sonst werden wir einsam. Ich glaube, dass die christliche Gemeinde zwar kein unfehlbares, und dennoch ein wunderbares Gegenmittel gegen Einsamkeit ist. Sie bietet unterschiedlichste Gelegenheiten zur Gemeinschaft an. Sie ermutigt zu Gastfreundschaft. Sie hält den hoch, der aufgefordert hat, Kranke und Alte zu besuchen. Und sie weiss von einem Freund, von dessen Liebe uns nichts trennen kann.

 

In herzlicher Verbundenheit

 

Urs Rickenbacher

Urs Rickenbacher, Pfarrer

United Methodist Church