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Glaube und Liebe

"Selbst ein Mensch mit geringen Begabungen – was kann er nicht alles tun, wenn er von Glaube und Liebe erfüllt ist."

John Wesley (1703 - 1791)

Leitartikel

Einheit

Zu unserer Zeit gehört ein ausgeprägter Individualismus. Einen kräftigen Schub erhielt dieser unter anderem von der 1968er- Bewegung, auf die wegen ihres 50-Jahr-Jubiläums in diesem Jahr ab und zu zurückgeblickt wird.

 

Der Individualismus hat viele persönliche Freiheiten gebracht. Nicht mehr gesellschaftliche Normen und Konventionen bestimmen über mich, sondern ich selbst bestimme, welcher Beruf zu mir passt, wie ich mich anziehe, welche Lebensform gut für mich ist, was ich glaube etc. Niemand von uns möchte diese Freiheiten aufgeben.

 

Gleichzeitig ist die persönliche Freiheit nur ein Pol, den wir zum Leben brauchen. Auf der anderen Seite gibt es die Einheit. Keine Gemeinschaft (ob nun ein Staat, eine Kommune, eine Familie oder eine christliche Gemeinde) kann funktionieren ohne ein gewisses Mass an Einheit. Und es ist auch ein tiefes Bedürfnis von uns Menschen, Einheit zu erleben. «Es war so genial am Hiphop-Festival! Da waren Zehntausende Leute und alle im selben Stil angezogen wie ich!», sagte eine junge Frau, die sonst sehr viel Wert auf ihre individuellen Freiheiten legt. Sie war sichtlich bewegt vom Erlebnis des Zusammengehörens.

 

Mich beschäftigt das Thema im Blick auf die Kirche. Zum Glück sind die Zeiten vorbei, da man den Menschen vorschrieb, was und wie sie zu glauben haben. Aber wenn alle nur noch ihre persönliche Gottesbeziehung pflegen und nur noch das mitmachen, was 100% für sie selbst stimmt, dann bedeutet dies das Ende der Kirche.

 

Es stellt sich daher die Frage: Was ist es, was uns eint? Natürlich wissen wir, dass Einheit nicht Einheitlichkeit oder Einigkeit in allen Fragen meint. Aber es fragt sich dennoch: Was ist es, was uns in unserer Vielfalt eint?

 

Im tiefsten Grund ist es die Verbundenheit mit Christus. Weil wir alle zu Christus gehören, sind wir eins. Aber es braucht wohl darüber hinaus ein bestimmtes Mass an Einheit in Werten und Überzeugungen, damit wir gemeinsam Gemeinde sein können; sonst leben wir aneinander vorbei und werden handlungsunfähig.

 

Jesus betete darum, dass wir eins sind (vgl. Joh. 17,21; ferner 1. Kor. 12,12ff; Gal. 3,28; Eph. 4,1-6 etc.).

 

So wichtig die persönlichen Freiheiten und Vorlieben sind, ebenso wichtig ist das, was uns verbindet. Weil es unserer Seele guttut, wenn wir spüren: «Hier gehöre ich dazu.» Weil wir in einer Gemeinschaft Halt und Geborgenheit erleben.

 

Weil wir uns in der Auseinandersetzung mit Menschen, denen wir uns verbunden fühlen und die doch nicht in allem gleich ticken wie wir, weiterentwickeln.

 

Purer Individualismus endet in der Einsamkeit. Totale Einheit erstickt das Leben. Christus will uns beides schenken: Freiheit und Einheit. Und wo sie die Pole bilden, da blüht das Leben auf.

 

In herzlicher Verbundenheit

 

Urs Rickenbacher

Urs Rickenbacher, Pfarrer

United Methodist Church